Symposium „Stimme und Neue Musik“

Die wichtigsten Inhalte vom 03.-07.01. 2018
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https://www.youtube.com/watch?v=ZLDByCLdWqI

Den Aus­gangspunkt des Sym­po­siums bildete die Frage: Kommt man bei der Auf­führung Neuer Musik, die weit mehr als das reine Sin­gen bein­hal­tet (Geräusche, Schreien, lautes Atmen etc.), mit der klas­sis­chen Gesangsaus­bil­dung an Gren­zen der Umset­zbarkeit oder stimm­lichen Belast­barkeit? 
Auf dem Sym­po­sium wurde diese The­matik aus ver­schiede­nen Blick­winkeln beleuchtet: dem Kom­pon­is­ten Nico­laus A. Huber, der Stimm­solistin, Schaus­pielerin und Dozentin Salome Kam­mer, dem Pho­ni­ater und Gesangswis­senschaftler Wol­fram Sei­d­ner und dem Chor­leit­er des WDR Rund­funk­chores Robert Blank.

Nico­laus A. Huber, der als Kind zwar im Pas­sauer Dom­chor gesun­gen hat­te, war das Volk­slieder-Sin­gen im Schu­lun­ter­richt fremd, der natür­liche, basishafte Zugang zum Sin­gen blieb ihm also ver­wehrt. Dementsprechend spielte Vokalmusik zunächst eine unter­ge­ord­nete Rolle in seinem Schaf­fen, später beschäftigte er sich aber in seinem „Ver­such über Sprache“ mit neu­ro­tis­chen For­men der Sprachgestal­tung und ver­langte den Sän­gerin­nen ein reich­es Spek­trum an Laut­en, Geräuschen und Klän­gen ab. Bezüglich stimm­lich­er Gren­zen in der Aus­führung ver­weist er auf die Chance der Zusam­me­nar­beit zwis­chen Komponist/in und Sänger/in, die ihm beson­ders wichtig ist.
Stimmtech­nisch betra­chtet kann die Frage möglich­er stimm­lich­er Beein­träch­ti­gun­gen durch die Her­aus­forderun­gen Neuer Musik nur indi­vidu­ell entsch­ieden wer­den, so Pho­ni­ater Sei­d­ner. Schw­er tun sich hier diejeni­gen Sän­gerin­nen und Sänger, die rein emo­tion­al an Musik herange­hen. Ein kluger Umgang mit der Stimme, der die Gren­zen der Belast­barkeit auf der Basis ein­er soli­den Gesang­stech­nik erken­nt, ist entschei­dend. Dies gilt in beson­derem Maße für die Anforderun­gen Neuer Musik, inkludiert aber selb­stver­ständlich auch die Musik ver­gan­gener Zeit­en.

Salome Kam­mer ver­weist auf nach wie vor exis­tente Ressen­ti­ments von Gesangspäd­a­gogen deutsch­er Musikhochschulen, die häu­fig ihren Fokus zu sehr auf dem Kern­reper­toire ihrer eige­nen Gesangskar­riere haben. Eine adäquate Annäherung an Neue Musik hat in ihren Augen sehr viel mit ein­er grund­sät­zlichen Offen­heit und Neugierde, aber auch Mut gegenüber den damit ver­bun­den stimm­lichen Her­aus­forderun­gen zu tun. Per­sön­lich achtet sie beson­ders auf die Ein­hal­tung von Pausen­zeit­en, um die Stimme langfristig gesund zu erhal­ten.

Robert Blank verneint wie Salome Kam­mer die Frage, ob Neue Musik, die sich nicht am klas­sis­chen Gesang ori­en­tiert, nicht bess­er durch Schaus­piel­er umge­set­zt wer­den kön­nte. Ins­beson­dere auf­grund der bere­its erwäh­n­ten stimmtech­nis­chen Anforderun­gen kann dies nur durch aus­ge­bildete Sän­gerin­nen und Sänger geleis­tet wer­den. Wichtig erscheint Blank, die Hin­ter­gründe bzw. die Moti­va­tion des Kom­pon­is­ten zu ken­nen, um die jew­eilige Musik zu ver­ste­hen und dem Chor dementsprechend ver­mit­teln zu kön­nen. Selb­stver­ständlich muss er als Chor­leit­er die Belast­barkeit der Stim­men im Blick haben und seine Probendis­po­si­tion danach aus­richt­en.

Faz­it:

Der adäquate stimm­liche Umgang mit Neuer Musik muss indi­vidu­ell betra­chtet wer­den. Grund­sät­zlich gilt jedoch, dass Pausen­zeit­en uner­lässlich sind, ins­beson­dere dann, wenn sich die Anforderun­gen an Sän­gerin­nen und Sänger als auf Dauer stimm­be­las­tend erweisen. Hier obliegt den Chor­leit­ern, Diri­gen­ten und auch Kom­pon­is­ten eine gewisse Sorgfalt­spflicht. Die enge Abstim­mung in der Probendis­po­si­tion mit den Sän­gerin­nen und Sängern ist hil­fre­ich.

Neue Musik ver­langt von den Sän­gerin­nen und Sängern Offen­heit und einen gewis­sen Mut zur Her­aus­forderung. Ein befriedi­gen­des Ergeb­nis stellt sich dann ein, wenn Kom­pon­ist und Aus­führende in engem Kon­takt ste­hen und allen Beteiligten die Inten­tion des Kom­pon­is­ten, sofern sie sich nicht unmit­tel­bar erschließt, bekan­nt ist. Es ist unum­strit­ten, dass das erweit­ere Klangspek­trum Neuer Musik im Instru­men­tal- wie auch Gesangs­bere­ich neue Aus­drucksmöglichkeit­en eröffnet hat und den Komponisten/innen damit zu Recht ein bre­ites Exper­i­men­tier­feld zur Ver­fü­gung ste­ht.

Text: Sophie Emi­lie Beha